Monatsarchiv: September 2005

Hamburg: Hindemith, Mathis der Maler

Muss erst eine Dirigentin aus Sydney kommen, um Paul Hindemith an einem bedeutenden deutschen Opernhaus wieder zu der ihm zustehenden Reputation gelangen zu lassen? Im allgemeinen Repertoire-Betrieb jedenfalls ist es um Hindemith zu Unrecht still geworden. Von den großen Bühnenwerken begegnet einem gelegentlich der „Cardillac“; „Die Harmonie der Welt“ wird kaum mehr aufgeführt, und auch „Mathis der Maler“ schafft nur selten den Sprung vom Konzertsaal ins Musiktheater.

So war die Entscheidung von Simone Young für Hindemiths wagnerlanges Künstlerdrama aus den 1930er-Jahren genauso außergewöhnlich wie richtungsweisend, ein Bekenntnis der neuen Hamburger Opernintendantin und Generalmusikdirektorin zu jener individuellen Ausprägung von klassischer Modernität, wie sie Hindemith mit den Etiketten der „Neuen Sachlichkeit“ oder „Gebrauchsmusik“ geschaffen und durch die „Unterweisung im Tonsatz“ musiktheoretisch untermauert hatte, gestützt auf das Fundament der Renaissance-Musik und spätmittelalterliches Volksliedgut, gewürzt mit Elementen aus Expressionismus, Jazz und Unterhaltungsmusik und gezielt die Kunsttradition des durch die Nationalsozialisten desavouierten 19. Jahrhunderts umgehend. Derlei galt den braunen Machthabern als „Kulturbolschewismus“; Hindemith erhielt Aufführungsverbot, wurde zur Kündigung seiner Berliner Kompositionsprofessur und wenig später in die Emigration gedrängt. Nach 1945 gab es in Deutschland zwar wieder mehr von Hindemith zu hören, doch in der zunehmend einseitig geführten musikästhetischen Diskussion über die „Weiterentwicklung der Materials“ war für Hindemiths liberale Haltung („Sprechen wir zum Hörer, dass er uns versteht, lassen wir ihn teilnehmen an unserer Suche nach menschlicher und künstlerischer Vollkommenheit. Gelingt das, ist es gänzlich belanglos, ob das mit dem oder jenem Tonmaterial geschieht“) kein Platz mehr.

Umso wichtiger also, dass sich ein Haus wie die Hamburgische Staatsoper wieder darauf besinnt, was Hindemith zu sagen hatte und wie zeitlos klassisch diese Aussage heute ist. Und so verdient der Start in die Ära Young alleine durch diese Repertoirepolitik seine Wertschätzung: eben einmal nicht eine jener typischen Repräsentations-Produktionen wie „Zauberflöte“ oder „Meistersinger“, sondern – und ganz ohne kalendarischen Anlass – eben „Mathis der Maler“. Hindemith selbst schrieb das Libretto über den titelgebenden Mathis Gothart Nithart, besser bekannt unter dem Namen Matthias Grünewald, und dessen Hauptwerk, den Isenheimer Altar. Dabei interessierte sich Hindemith in seiner Oper weniger für das Gemälde als solches, sondern für die inneren Konflikte, welche dessen Entstehung beim schaffenden Künstler unter dramatisch bewegten Zeitumständen auslösten. Die Bauernkriege greifen in die Handlung genauso ein wie die Auseinandersetzungen zwischen der römischen Amtskirche und den Anhängern Luthers, dessen Schriften im 3. Bild einer öffentlichen Bücherverbrennung zum Opfer fallen. Dass Hindemith in Gestalt des Mathis zugleich Selbstreflexion über die Haltung des Komponisten im NS-Staat übte, wird gerade in dieser Szene evident.

Frühere „Mathis“-Inszenierungen haben daher gerne das Werk in der Entstehungszeit spielen lassen, so noch Kurt Horres an der Bayerischen Staatsoper 1990. Andere hoben auf die historischen Ereignisse im 16. Jahrhundert ab. Christian Pade ging in Hamburg nun einen ganz eigenen Weg, verzichtete auf eindeutige Festlegungen und schuf auf diese Weise Raum und Freiraum für die Entwicklung der humanen Botschaft Hindemiths von Selbstverständnis und Eigenwert der Kunst inmitten von Barbarei und Brutalität. Alexander Lintl kreierte hierzu ein Bühnenbild, das einer rein bebildernden Versuchung (wie sie bei diesem Sujet gefährlich nahe liegt) geglückt widerstand, sich auf symbolkräftige Abstraktion für Mathis’ Zerrissenheit, aber auch für seinen Selbtrückzug konzentrierte, in den Szenen am Mainzer Bischofshof zugleich den Missbrauch von Malerei zur Machtrepräsentation unterstrich.

Musikalisch vermochte Falk Struckmann in der Titelrolle das Geschehen auf sich zu fokussieren. Hindemiths Mathis verlangt nach einem dramatischen Heldenbariton, der zugleich in hohem Maß über die lyrischen Qualitäten eines Liedersängers verfügen muss. Dieser Synthese wurde Struckmann auf herausragende Weise gerecht. Ihm standen mit Scott MacAllister, Peter Galliard und Pär Lindskog drei ausgezeichnete Tenöre an der Seite, die in dieser Produktion zugleich ihr Rollendebüt gaben; bei den Damen vermochten Susan Anthony und Inga Kalna vokale Glanzlichter zu entzünden. Die Chöre in der Einstudierung von Florian Csizmadia erwiesen sich in guter Verfassung.

Am Dirigentenpult nahm sich Simone Young des Bekenntniswerks mit großer Intensität und Dichte an. Den spezifischen Hindemith-Ton mit seiner Vorliebe für Spaltklänge brachte sie zur Entfaltung, genauso kamen die klangsinnlichen Passagen zu ihrem Recht. Das Orchester setzte ihre künstlerischen Vorstellungen kohärent und ausgewogen um, wenngleich indes nicht verborgen bleiben konnte, dass die Dirigentin künftig auch als Orchestererzieherin gefordert sein wird. Zwar hat sich das Niveau insgesamt gegenüber früheren Zeiten erheblich gebessert, doch einige Solobläser liefen immer wieder einmal aus dem Ruder. Dies freilich schmälert nicht den nachhaltigen Gesamteindruck, den diese Einstiegspremiere hinterlassen hat.

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Eingeordnet unter Klassische Moderne, Oper, Repertoire-Raritäten