Monatsarchiv: Februar 2007

DREIGROSCHENOPER – DAS ORIGINAL

Brechts „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill gehört im Musiktheaterbetrieb zu den Klassikern der Moderne. Dabei wird gerne übersehen, dass es sich bei diesem Stück streng genommen um eine Adaption, um die künstlerische Bearbeitung einer Vorlage handelt. Diese stammt aus der Barockzeit, wurde von John Gay gedichtet, von John Christopher Pepusch komponiert und 1728 in London mit sensationellem Erfolg uraufgeführt. Dann versank sie in den Archivschlaf, und die Beliebtheit des Brecht-Weill-Stücks tat ein Übriges, das Original aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Nun hat das Staatstheater Nürnberg die alte „Bettleroper“ zu neuem Leben erweckt und in Kooperation mit der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg genauso spielwitzig wie künstlerisch anspruchsvoll auf die Bretter des benachbarten, für Barockstücke geradezu idealen  Markgrafentheaters Erlangen gestellt.

Pepusch schrieb mit seiner „Beggar’s Opera“ eine amüsante Parodie auf die in London zunehmend als altmodisch empfundenen Bühnenwerke von Georg Friedrich Händel. Teils werden Passagen aus Händel-Opern unmittelbar zitiert, jedoch in einen neuen Zusammenhang gestellt – wenn beispielsweise die 4-köpfige Räuberbande zu ihrem kriminellen Tun den Chor der Kreuzfahrer (!) aus dem „Rinaldo“ anstimmt; vielfach zieht Pepusch aber auch nur den Gestus von Händels Arien durch den Kakao, wenn er – dabei mit den musikalisch-rhetorischen Stilmitteln der opera seria virtuos jonglierend – die Puffmutter Mrs. Trapes wie die verlassene Armida schmachten lässt oder dem Captain Macheath (der spätere Meckie Messer bei Brecht) in einer einzigen kurzen Arie gleich ein ganzes Kompendium Händelscher Zentralaffekte kurz und frech in den Mund legt. Und John Gays Handlung zielt – ähnlich wie später auch noch in der Bearbeitung durch Bert Brecht – auf die satirische Spiegelung der gesellschaftlichen Zustände zur Regierungszeit des korrupten Premierminister Sir Robert Walpole, wie überhaupt die handelnden Personen wie Peachum oder Polly in der „Dreigroschenoper“ vielfach dieselben geblieben sind.

Nürnbergs Dramaturg Klaus Angermann erstellte für die Neuinszenierung eine intelligente, witzige und sinnfällig am Originaltext ausgerichtete deutsche Fassung. Dabei ging es ihm nicht nur um eine Übersetzung: Indem er den Textdichter John Gay als Spielfigur und Regisseur der Handlung auftreten lässt, schuf er Raum und Rahmen für ein mehrdeutiges Spiel im Spiel, das von der Regisseurin Andrea Raabe phantasievoll in Szene gesetzt wurde. Vortrefflich gelang Raabe der Spagat zwischen dem historischen Bewusstsein von den Usancen einer Barockoper und dem Anspruch an ein lebendiges, aktuelles, zeitnahes Spiel.

Gelungen war auch die Kooperation mit der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg und deren Studio für Alte Musik unter der inspirierten, präzisen und stilgenauen musikalischen Leitung von Andreas Paetzold. Mitnichten haftete dieser Aufführung etwas „studentisches“ im Sinne von künstlerischer Unvollkommenheit an – im Gegenteil. Die Studierenden im Graben und auf der Bühne fügten sich nahtlos ins launig-präsente Staatstheaterensemble ein, agierten souverän und auf ihre Aufgaben top-vorbereitet. Diese Neuinszenierung braucht den Vergleich mit der kürzlich erfolgten Barockopernpremiere an der Bayerischen Theaterakademie nicht zu scheuen (zumal Raabe auch das überzeugendere Regiekonzept gegenüber Tilman Knabe in München hat). Diese „Bettleroper“ ist hörens- und sehenswert.

DER KLASSIKKRITIKER

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