Monatsarchiv: Juni 2008

FAUST OHNE GRETCHEN: Busonis „Doktor Faust“ zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele

Es kommt einer Ironie der Musikgeschichte gleich, dass so gut wie keiner der deutschen Opernkomponisten das „deutscheste“ aller Theaterstücke, den „Faust“, für die Bühne adaptiert hat. Robert Schumann beispielsweise beließ es bei einer Vertonung einzelner „Scenen aus Goethe’s Faust“, Liszt schuf eine dreisätzige Sinfonie nach den Hauptcharakteren Faust, Gretchen und Mephisto, und Richard Wagner brachte es gerade einmal zu „Einer Faust-Ouvertüre“. Für eine Volloper muss man auf den heute so gut wie vergessenen Louis Spohr zurück greifen.

Ganz anders sah es in Italien oder Frankreich aus. Gounod komponierte seine „Margarethe“, Boito den „Mefistofele“, Ferruccio Busoni gar einen „Doktor Faust“. Und mit diesem nun eröffnete die Bayerische Staatsoper ihre Opernfestspiele 2008. Dies bedeutete wahrhafte Pionierarbeit, ist doch dieses Bühnenwerk bislang noch nie am Münchner Nationaltheater zu sehen gewesen und  Busoni ohnehin ein Komponist, der hierzulande ein Exot im Opern- und Konzertbetrieb blieb. Seinen „Faust“ betrifft dies gleichermaßen wie etwas sein etwa 70-minütiges Stück für Klavier, Männerchor und Orchester. Dabei hatte er zu Lebzeiten nicht nur als Professor in Berlin hohe Reputation; auch noch nach seinem Tod im Jahr 1924 übte er mit seinem „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ und anderen provozierend titulierten Essays nachhaltigen Einfluss auf jüngere Kollegen aus.

Der „Doktor Faust“ ist sein künstlerisches Vermächtnis. Er fasst zum einen die musikästhetischen Anschauungen Busonis zusammen, die ihn als die Markierung eines vierten und damit eignständigen Wegs neben Skrjabins Klangrausch, Schönbergs Expressionismus oder dem frechen Neoklassizismus der „Six“ ausweisen. Zum anderen steht er für Busonis dezidiert anti-veristisches Opernkonzept, das ihn letztlich auch dazu veranlasst hat, seinem „Faust“ die beiden Tragödien Goethes nur ansatzweise zugrunde zu legen und sich vornehmlich auf das „Volksbuch“ aus dem 16. Jahrhundert zu stützen.

Am meisten weicht Busonis Dramaturgie vom bekannten „Faust“-Erzählstoff ab, indem er die zentrale Frauenfigur, das Gretchen, aus der Handlung gestrichen hat. Er fokussiert die Geschichte auf Faust und Mephisto, wobei der Teufel auch kein wirklicher Antipode zu Faust ist, sondern eine Metapher für Fausts Gedanken in dessen Erkenntnisdrang, an denen er aufgrund ihrer Unerfüllbarkeit schlussendlich zugrunde geht.

Hierzu verlangt Busoni seiner Titelrolle Etliches ab. Sie ist für einen dramatischen Heldenbariton angelegt, der in Sachen Stehvermögen, Stimmsubstanz und intellektueller Durchdringung der Partie vergleichbar einem Walküren-Wotan oder einem Holländer agieren muss. Am Münchner Nationaltheater debütierte nun Wolfgang Koch als höchst eindrucksvoller Doktor Faust, flankiert durch den exzellenten, pointierten Tenor John Daszak als Mephisto. Innerhalb des insgesamt qualitätsvollen, noch 18 weitere Solisten umfassenden Sängerensemble ist vor allem Catherine Naglestad hervorzuheben, welche als Herzogin von Parma die einzig tragende Frauenpartie in dieser Oper darstellt, und die Chöre in der Einstudierung von Andrés Máspero waren einmal wieder makellos.

Am Dirigentenpult ging Tomás Netopil sehr behutsam mit Busonis Partitur um. Er setzte auf Deklamation und Verständlichkeit des gesungenen Wortes, was allerdings mitunter die musikalischen Abläufe ein wenig zäh werden ließ und auch dem Orchester mancherlei Zurückhaltung abverlangte. Philippe Auguin hatte vor 10 Jahren Busonis expressive Klangsprache in der Nürnberger „Faust“-Aufführung mit deutlich mehr Intensität erschlossen. Dafür sorgte die Inszenierung von Nicolas Brieger für eindringliche Bilder, deren Nachteil allerdings darin liegt, von jenen Plätzen, die keine Ausrichtung zur Bühnenmitte hin haben, nicht genügend eingesehen werden zu können, um den Gang der Handlung auch optisch nachzuvollziehen. So blieb bei einem Gutteil der Premierenbesucher ein Stück weit Ratlosigkeit zurück.

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