JUNGE MEISTERSCHAFT – Andris Nelsons mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

In Bayreuth dirigiert er seit der Festspielzeit 2010 einen faszinierenden „Lohengrin“ – nun trat der junge lettische, maßgeblich von Mariss Jansons geprägte  Dirigent ans Pult des gerade von seinem Mentor Jansons als Chefdirigenten zu instrumentalen Höhenflügen geführten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit einem durchaus unkonventionellen Konzertprogramm, welches einerseits als Hommage an den langjährigen Rundfunk-Maestro Rafael Kubelik aufgefasst werden konnte und andererseits einmal wieder deutlich machte, dass außergewöhnliche Werke großer Komponisten zu Unrecht ein Schattendasein im Repertoirealltag fristen.

Jene Rarität war ein Spätwerk Antonin Dvoraks, die 1897 entstandene Symphonische Dichtung op. 111 “Heldenlied“, ein Titel, der durchaus Assoziationen an Liszt („Heldenklage“) oder Richard Strauss („Ein Heldenleben“) erweckt. Uraufgeführt hatte das Werk seinerzeit Gustav Mahler in Wien, der sich in dessen 5. und 6. Symphonie vom von schlagwerkakzentuierten Trauermarschfloskeln grundierten  Klarinettensolo im zweiten, langsamen Teil gleichermaßen hörbar hat inspirieren lassen wie vom stürmischen Finale. Andris Nelsons gestaltete das Musik gewordene Wechselbad der Emotionen klar strukturierend und frei von falschem Pathos, sorgte auch dafür, dass die bei Dvoraks Rhythmik mitunter nahe liegende böhmische Tanzbodenstimmung dankenswerterweise nicht aufgekommen war.

Als Kubelik-Hommage darf die Sinfonietta von Leos Janacek angesehen werden, die mit ihren mächtigen Blechbläserchorälen, den flirrenden Streicherklängen und den oft scharf zackigen Holzbläserepisoden nicht nur  ein dirigentisches Paradestück für den bedeutenden Münchner Orchesterchef der 1960er- und 1970er-Jahre gewesen ist, sondern auch in seinem kompositorischen Werk, insbesondere in der „Peripetie“ von 1989 nachklang. Nelsons dirigierte das dem Expressionismus verpflichtete Werk mit angemessen kantiger Prägnanz.

Als Instrumentalkonzert des Abends stand das Brahms-Violinkonzert auf dem Programm, dem Janine Jansen schon im Eingangssatz silbernen, mitunter leicht metallischen Glanz verlieh. Das Adagio ließ sie in inniger Sanglichkeit mit viel Raum für Nuancierung verströmen, und im Finale gönnte sie sich auch manch augenzwinkernd zingareske Note. Vortrefflich ergänzte sie sich in ihrer Auffassung mit Andris Nelsons, der bei aller, erfreulich nüchterner Klarheit fernab jedweden grüblerischen Mystifizismus hohe Intensität und starke Ausdruckskraft erkennen ließ, dabei intensiv am Detail gearbeitet hatte und dem symphonischen Anspruch, den Brahms mit seinem Violinkonzert an Orchester und Dirigent stellt, vollumfänglich Rechnung trug. Ein durchweg fulminantes Dirigat also, mit dem sich  Nelsons in seiner Position als einer der führenden Nachwuchsdirigenten zu behaupten vermochte.

DER KLASSIKKRITIKER

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