MACHTLOSES WORT – Die Münchener Biennale eröffnet mit der Uraufführung von Sarah Nemtsovs „L’absence“

Es war eine Frage der Zeit, dass sich die junge Generation von Opernkomponisten des Holocausts annehmen würde. Natürlich nicht als ein „realistisches“ Bühnenstück über die Gräuel der NS-Barbarei, dies wäre in der Tat zu platt, wohl aber als assoziatives Musiktheaterwerk mit dem geschichtlichen Hintergrund als Reflexionsfolie.

Die 1980 in Oldenburg geborene und mittlerweile in Berlin schaffende Komponistin Sarah Nemtsov hat sich nun im Auftrag der Münchener Biennale, also dem seinerzeit von Hans Werner Henze gegründeten, international unangefochtenen Spitzenforum für das zeitgenössische Musiktheater, des „Buchs der Fragen“ von Edmond Jabès angenommen, der heuer seinen 100. Geburtstag begeht. Aus dieser literarischen Vorlage formte sie ihr eigenes Libretto zu einer abendfüllenden großen, 5-aktigen Oper, in deren Mittelpunkt die Geschichte von Sarah und Yukel steht. Beider Eltern wurden nach der Deportation umgebracht, und das Trauma wirkt bis in die Generation der Nachgeborenen fort. Das Paar ist unfähig, zueinander zu finden; ihre Herzen suchen einander, doch ihre Seelen sind zerstört. Dieser Prozess des Suchens und Nicht-Finden-Könnens wird durch einen Erzähler sowie durch weitere, in die Handlung eingreifende Personen für den Zuschauer erfahrbar gemacht, insbesondere durch fünf Rabbiner, die schlussendlich schmerzvoll erkennen müssen, dass das überlieferte Wort als Grundlage für die jüdischen Religion machtlos den Verbrechen und Auswirkungen des Holocausts gegenüber steht.

Nemtsov ist dabei ein genauso beklemmendes wie sensibles Bühnenwerk gelungen. Sie gehört zu den ganz wenigen jungen Komponisten, die in der Lage sind, aus den Usancen des Musiktheaters Kreativität zu entfalten und in großen, durchkomponierten Szenenkomplexen zu denken, dabei über gut zwei Stunden hin die Spannung weitestgehend aufrecht zu erhalten (ein paar kleinere Striche würden die Aussage ihrer Partitur verdichten). Es überzeugte, wie sie die epische Vorlage dramatisiert und sinnfällig in Ariosi, Duette und größere Ensembles strukturiert, dabei zugleich feinnervig den Sing- und Instrumentalapparat kohärent miteinander verflochten hatte.

Ihre Oper sieht rund ein Dutzend anspruchsvoller Gesangspartien vor, darunter auch Knabenstimmen oder für den Erzähler einen Altus, welche durchweg exzellent an diesem Uraufführungsabend besetzt waren; stellvertretend seien Tehila Nini Goldsteins exzeptionelle Sarah und der faszinierend agierende Bernhard Landauer als Erzähler genannt. Die sehr dichte Inszenierung von Jasmin Solfaghari trug das Ihrige zum berechtigten Premierenerfolg bei, und am Dirigentenpult des Bundesjugendorchesters waltete souverän und umsichtig Rüdiger Bohn. Die Verpflichtung des nationalen Jugendorchesters der Bundesrepublik Deutschland erwies sich dabei nicht nur künstlerisch, sondern auch kulturpolitisch als kluge Entscheidung von Festivalleiter Peter Ruzicka: Es ist nur zu begrüßen, wenn hoch talentierte Nachwuchs-Instrumentlist/innen im Förderprogramm des Deutschen Musikrates auch kongenial qualitätsvolle Musik aus ihrer eigenen Generation zu Gehör bringen. DER KLASSIKKRITIKER

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Eingeordnet unter Oper, Uraufführung

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