FULMINANTE SPANNUNG UND INNERE GESCHLOSSENHEIT – Premiere von Tschaikowskys „Pique Dame“ in Stuttgart

Tschaikowskys späte Oper „Pique Dame“ ist nur schwer in Griff zu bekommen. Die musikalische Schreibart ist poly-stilistisch, das Libretto von Modest Tschaikowsky, dem Bruder des Komponisten, rückt statt eines herkömmlichen Erzählstrangs die Bedeutung des Unbewussten und der Obsessionen der einzelnen Figuren in den Vordergrund, und selbst diese werden gegenüber der zugrunde liegenden Puschkin-Novelle sehr frei geführt.

Entsprechend häufig sieht sich der Betrachter Verlegenheitslösungen ausgesetzt, wenn das Stück auf den Spielplan kommt. Umso fulminanter ist nun die Neuproduktion in Stuttgart ausgefallen, inszenatorisch verantwortet vom Hausherrn Jossi Wieler persönlich, gemeinsam mit Sergio Morabito für die Dramaturgie und Anna Viebrock für Bühnenbild und Kostüme.

Es handelt sich um die in sich geschlossenste Produktion, die der Rezensent von diesem Künstlerteam bislang erlebt hat. Zeitbezüge zur post-sowjetischen Ära wurden angedeutet, ohne diese zu strapazieren. Abgerissene Typen unterschiedlicher Generationen ohne Perspektive leben unfreiwillig in einem heruntergekommenen, einstigen Adelspalais miteinander zusammen. Die Mädchen prostituieren sich, um ihr kärgliches Dasein aufzubessern und vielleicht auch – wie die Lisa in Tschaikowskys Oper – auf diese Weise einen reichen Freier wie Fürst Jeletziki zu heiraten. Die Jungens rotten sich zu Gangs zusammen und trinken sich durch den Tag, fangen auch einmal eine Schlägerei zum Zeitvertreib an oder verfallen dem Glücksspiel. Der zwielichtige Emporkömmling Tomski bedient sich dieser Habenichtse, die Frauen mittleren Alters versuchen, zumindest ansatzweise ihre Kinder zu erziehen, und die Betagten wie die Alte Gräfin träumen, dem Alkohol ergeben, von längst vergangenen Zeiten.

Dadurch entstehen Gruppenprozesse, aus denen sich immer wieder einzelne Charaktere heraus entwickeln, denen die Regie scharfe Figurenprofile mit auf den Weg gegeben hat und zugleich auch eine überzeugende Lösung für das Gruppenspiel mit der Schäferei im zweiten Akt gefunden hatte. Oft ist dieses Intermezzo eine einzige Peinlichkeit  – jetzt aber bei Wieler/Morabito wurde es dramaturgisch schlüssig integriert.

Diese Gruppenprozesse bilden sich auch musikalisch in vielgestaltigen Chorszenen ab, und es war großartig, wie der Staatsopernchor in der Einstudierung von Johannes Knecht diese Mammutaufgabe bewältigt hatte. Genauso vortrefflich korrespondierte Sylvain Cambreling am Pult des durchweg präsenten Staatsorchesters mit dem Bühnengeschehen und erschloss das ganze Spektrum von Tschaikowskys hoch emotionaler Musik zwischen melancholischem Leid und dramatischer Leidenschaft. Zugleich blieb Cambreling mit nüchterner Klarheit der Partitur auf der Spur, sodass prägnant und kompakt, fern jedweder Kitschanfälligkeit musiziert worden war. Die Modernität von Tschaikowskys Tonsprache wurde von Cambreling konturenscharf und mit dramatischer Wucht herausgemeißelt.

Innerhalb der tragenden Partien gab Helene Schneiderman eine bezwingend differenzierte Gräfin, zog Shigeo Ishino als Jeletziki alle Register zwischen massivem Metall im Kartenduell und balsamischer Wärme in seiner hingebungsvollen Entsagungsarie, verband sich bei Rebecca von Lipinskis Lisa das Mädchenhafte ihrer Erscheinung apart mit der Weiträumigkeit ihrer geschmeidigen Stimme und zeigte sich Erin Caves dem German mit robustem, charaktervollem Tenor gewachsen, der zum heldenhaften Auftrumpfen genauso befähigt war wie zu verinnerlichten Nuancen. Bei den kleineren Rollen gefielen der kernige Tomsky von Vladislav Sukimsky, die charmante Polina von Stine Marie Fischer und die stimmschöne Gouvernante, die Mara Theresa Ullrich verkörpert hatte. Auch die übrigen Ensemblemitglieder agierten in der Oberklasse. Ein großer Abend!

DER KLASSIKKRITIKER

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Oper

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s