Monatsarchiv: Mai 2018

ALPTRAUMHAFTE KLÄNGE UND BILDER – Simone Young und Frank Castorf überwältigen mit Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ im Münchner Nationaltheater

Unter den Komponisten, die 2018 einen runden Geburts- oder Gedenktag haben, ist Leoš Janáček eher am Rande präsent, wie er überhaupt im Repertoire verhältnismäßig selten vorkommt. Die Bayerische Staatsoper in München hob sich hingegen im Einbeziehen von Janáčeks Werken schon in früheren Jahren vom Gros der Bühnen ab, präsentierte neben den bekannteren Werken wie „Jenufa“ oder „Kat‘á Kabanová“ auch selten aufgeführte Stücke wie „Die Ausflüge des Herrn Brouček zum Mond“. Ihr jüngstes Verdienst nun in Sachen Janáček-Rezeption errang das Haus mit einer Neuproduktion der letzten Oper aus dem Todesjahr des Komponisten 1928, deren Uraufführung er nicht mehr erlebte: „Aus einem Totenhaus“.

Sie basiert auf Dostojewskis gleichnamigem, zwischen 1860 und 1862 veröffentlichten  Epos, das schaurige Bilder aus dem russischen Zuchthausalltag dieser Zeit kolportiert, die erschütternder Weise noch heute für den Strafvollzug totalitärer Staaten stehen können. In 20 Kapiteln fasst Dostojewski die fiktiven Erinnerungen eines Aleksandr Petrowic Gorjáncikov an dessen 10-jährige Haft in einem sibirischen Gefängnis zusammen, portraitiert die Sträflinge und deren grausame Verbrechen, aber auch jene, die aus politischen Gründen von der Obrigkeit zu Verbrechern erklärt und eingekerkert worden sind. Er zeigt die barbarischen Rituale, wenn Neuankömmlinge von ihren Mitgefangenen geschunden werden, die desolaten hygienischen Verhältnisse und die grässlichen medizinischen Versuche an Häftlingen, die sich auf der Krankenstation melden, was für jene jedoch das kleinere Übel zu sein scheint, als sich von sadistischen Aufsehern willkürlich prügeln oder durch Zwangsarbeit vollends vernichten zu lassen.

Aus diesem Material destillierte Janáček eine knapp gefasste, rund eineinhalbstündige Oper in drei Akten, die gemäß der Vorlage statt einer durchlaufenden Theaterhandlung Bilder und Assoziationen am Zuschauer vorbeiziehen lässt, der auf diese Weise in die Abgründe des menschlichen Seins blickt. Die genau richtige Dramaturgie also für einen Regisseur wie Frank Castorf, der mit geradezu alptraumhaften Bildern, deren Wirkung durch Livecams (Andreas Deinert, Jens Crull), einen an Gewaltarchitektur gemahnenden Bühnenraum (Aleksandar Denic), assoziative Lichteffekte (Rainer Casper) und charakterscharfe Kostüme (Adriana Braga Peretzki) intensiviert wurde, einen Bogen der Gewalt und der sie gebärenden Gegengewalt spannte.

Janáčeks Musik ist schon zu Lebzeiten des Komponisten vielerorts nicht sachgerecht beurteilt worden. Den Traditionalisten war sie nicht genügend akademisch-formenstreng und zu modern, den Avantgardisten zu konservativ. Beide Etiketten passen nicht, und gerade in seinem letzten Werk, dem „Totenhaus“, scheute Janáček vor den Klangmitteln der Moderne bis hin zur Verwendung von Ketten, Äxten, Sägen und weiterer Werkzeuge nicht zurück. Simone Young kehrte am Dirigentenpult des wieder einmal formidablen Bayerischen Staatsorchesters Janáčeks herbe, mitunter harte Tonsprache hervor und trieb mit fordernd-führender Hand dessen vielschichtige Klänge ungeglättet vor sich her, mit Gespür für den prosaischen Duktus der Stimmführung, doch auch für die leid- und schmerzdurchwirkten Emotionen unterhalb der kleinzellig strukturierten Klangoberfläche, der sie hoch differenzierend nachgespürt hatte. Seit Jaroslav Krombholcs „Jenufa“-Dirigat im Jahr 1977 hat DER KLASSIKKRITIKER keinen solch idiomatischen und stilistisch untrüglichen Janáček an der Bayerischen Staatsoper mehr gehört!

Auch die durchweg tadellose Besetzung der anspruchsvollen Gesangspartien trug maßgeblich zur hohen Qualität dieses Premierenabends bei; stellvertretend seien genannt Bo Skovhus als eindringlicher Siskov, der perfekt in Diktion und Charakter agierende Kevin Conners (Sapkin/Fröhlicher Sträfling), der Feuer und luzide Gefährlichkeit in seine Stimme legende Ales Briscein (Luka), der markige Kedril von Matthew Grills, der auf leuchtenden Höhen seiner verlorenen Liebe nachtrauernde Skuratov (Charles Workman), der stark bühnenpräsente, in der Abschiedsszene noble Peter Rose (Petrovic) und die stimmlich wie darstellerisch sehr beeindruckende Evgeniya Sotkinova als Aljeja. Sören Eckhoff sorgte für die guten chorischen Leistungen.

DER KLASSIKKRITIKER

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Klassische Moderne, Kritik, Oper, Repertoire-Raritäten

ERINNERUNGSKULTUR IM ZEICHEN VON BERNSTEINS 100. GEBURTSTAG – Der Wolf-Durmashkin-Kompositionswettbewerb in Landsberg am Lech

Mitunter verdichten sich die Zeitläufte zu einem Knotenpunkt. Am 10. Mai 1948 fand im Landsberger Lager für Displaced Persons ein Konzert mit einem Kammerorchester statt, das sich aus befreiten Häftlingen der KZ-Außenlager von Dachau zusammengesetzt hatte, die ihrerseits schon – allesamt ausgebildete Musiker/innen – ab 1941 in verschiedenen Ghetto- und KZ-Orchestern spielten und schließlich in besagte Außenlager deportiert worden waren. Sie mussten als Zwangsarbeiter in der unterirdischen, zwischen Landsberg und Kaufering gelegenen Produktionsstätte an der Fertigung des ME 262-Bombers mitwirken.

War das Musizieren für diese Überlebenden per se schon ein Lebensmittel im vollen Wortsinne, um nach dem Grauen der NS-Barbarei Hoffnung auf eine Zukunft zu schöpfen, die nicht wenige von ihnen mit der wenige Tage nach dem Konzert vollzogenen Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 verbunden hatten, kam dem Landsberger Konzert vor 70 Jahren dahingehend besondere Bedeutung zu, dass ein junger amerikanischer Shooting-Star tags zuvor auf Veranlassung der amerikanischen Militärverwaltung in München dirigiert hatte und dem es ein persönliches Anliegen war, gemeinsam mit seinen Glaubensbrüdern, welche den Holocaust überlebt hatten, im Landsberger Lager zu musizieren: Leonard Bernstein. Am 25. August 2018 wäre der bedeutende Komponist, Dirigent, Pianist und unermüdliche Verfechter einer durch die Kultur sich manifestierenden Humanität 100 Jahre alt geworden.

Der Landsberger Verein dieKunstBauStelle nahm diese geschichtlichen Ankerpunkte – die israelische Staatsgründung und das Landsberger Konzert vor 70 Jahren, Bernsteins 100. Geburtstag – nun zum Anlass, ein erinnerungskulturelles Projekt der besonderen Art auf den Weg zu bringen und die Rekonstruktion von Bernsteins Konzert mit einem Wettbewerb für junge Komponisten zu verbinden, die in ihren neuen Werken auf die zugrunde liegende geschichtliche Thematik Bezug nehmen sollten, welche sich zugleich in der Namensgebung des Kompositionswettbewerbs spiegelte – dem „Wolf Durmashkin Composition Award“.

Damit erinnert der Wettbewerb an jenen jüdisch-polnischen Dirigenten, Pianisten und Komponisten, der in Vilnius und Warschau studierte, u.a. eine hebräische Version von Verdis „Aida“ schuf und in der Musik über deren künstlerischen Eigenwert hinaus ein Mittel des geistig-kulturellen Widerstands sah. 1944 ermordete ihn die SS kurz vor dem Einrücken der Roten Armee; seine beiden Schwestern wurden in die KZ-Außenlager Kaufering/Dachaus verbracht, wo sich wiederum der Kreis zu Bernsteins einstigem Konzert in Landsberg geschlossen hat.

Den ersten Preis des Wolf Durmashkin Composition Award errang die 30-jährige Komponistin Bracha Bdil aus Israel für ihr ergreifendes, emotional tief berührendes Werk „Hayom“ für Tenor und Horn, ein Klangfarbendoppel, das auch schon Benjamin Britten zu meisterlichen Kompositionen inspiriert hatte. Bdil schuf ein dichtes, strukturell durchdachtes und den Hörer berührendes Stück, bei dem die vokalen und instrumentalen Farben eine geglückte Verbindung eingegangen waren. Es war faszinierend zu erleben, wie bei dieser bewusst vorgenommenen Reduktion im Einsatz der Mittel – nur ein Blasinstrument, nur eine Stimme – ein ganzes Spektrum erschlossen worden ist, was nicht zuletzt auch den Interpreten zu verdanken war, dem vorzüglichen Hornisten Michael Gredler und dem differenziert gestaltenden Tenor Yoéd Sorek.

Hätte sich die Jury entschieden, auf die Vergabe eines zweiten Preises zu verzichten und den dritten statt dessen zu teilen, wäre dies durchaus plausibel gewesen, denn der Abstand zwischen Bdil und der zweitplatzierten Komponistin Rose Miranda Hall (*1991) aus England und dem Tschechen Otto Wanke (*1989) auf Rang 3 war beträchtlich. Hall ließ in ihrer Liedvertonung „Mein Schatten“ für Tenor, Klarinette und Streichtrio in den lyrischen Textteilen, insbesondere in der imaginären Zweisprache des lyrischen Ichs mit dessen Mutter, ein Gespür für genügend groß gedachte und auf das gesamte Stück bezogene vokale Linienführung erkennen, blieb jedoch für dramatische Textpassagen („vergifteter Stacheldraht der Baracke“, „Brandmal des Terrors“) zu pauschal in der Gestaltung des Ausdrucks; ein Eindruck, welcher durch die monochrom geführten Instrumentalstimmen noch intensiviert wurde. Wanke reizte hingegen in seinem Lied „Vergiss, wer du bist“ für Sopran, Akkordeon, Horn, Violine und Cello die klanglichen Möglichkeiten der Instrumente stärker aus, doch der Vokalpart war nur rudimentär entwickelt, blieb in Einzelteile parzelliert; das wohl intendierte Stockende blieb ein Bemühtes.

Ausgeführt wurden die Instrumentalparts von Mitgliedern der Bayerischen Philharmonie, präzise und mit Sorgfalt einstudiert von deren Dirigenten Mark Mast, der zu Beginn und zum Schluss des Konzerts auch zwei Orchesterstücke aus jenem historischen Bernstein-Konzert aufs Programm setzte: Ausschnitte aus Bizets zweiter L’Arlésienne-Suite und Gershwins „Rhapsody in blue“. Damals erklangen – der verfügbaren Besetzung geschuldet – diese für großes Orchester geschriebenen Kompositionen in einer reduzierten Besetzung, die nun für das Gedenkkonzert von Tobias Schulien und Linus Mödl geglückt rekonstruiert worden ist.

Auch in diesen beiden Stücken überzeugten die Bayerischen Philharmoniker durch ihre Klangqualität, wiewohl der gute Eindruck durch den jungen Pianisten Guy Mintus getrübt wurde, der sich aufdringlich mit seiner – durchaus vorhandenen stupenden Fingerfertigkeit – in den Vordergrund spielte, viel zu schnell ins forte und fortissimo hineindonnerte und sich in überlangen Kadenzen an seiner eigenen Virtuosität zu berauschen schien. Da gab es am Vorabend bei der Preisverleihung wesentlich sensiblere Töne zu hören, als das Jugendsinfonieorchester Landsberg unter Birgit Abe die Cellistin Janet Horvath in Max Bruchs „Kol Nidrei“ begleitet hatte – jene auf internationalen Festivals (Marlboro, Tanglewood) bekannt gewordene Musikerin, deren Vater schon als Cellist gewirkt hatte, und zwar ebenfalls schon in jenem denkwürdigen Konzert unter Leonard Bernstein am 10. Mai vor 70 Jahren für Displaced Persons in Landsberg. Die jungen Musikschüler/innen wirkten durch diese unmittelbar fühlbar gewordene Berührung mit gelebter Geschichte spürbar ergriffen. Und so wurde Erinnerungskultur zum Bestandteil von eigener Lebenswirklichkeit.

DER KLASSIKKRITIKER

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