STARKES STÜCK – Ferenc Molnárs „Liliom“ bei den Salzburger Festspielen

Ähnlich wie Kafka durch Max Brod, ist auch sein ungarischer Kollege und Zeitgenosse Ferenc Molnár hierzulande durch seinen Übersetzer Alfred Polgar präsent und damit bekannt geworden. Doch jede Übersetzung, so gut sie auch sein mag und im Fall Molnár-Polgar sogar gemeinsam mit dem Autor erarbeitet worden ist, verändert Parameter des Originals. Bei Molnárs 1909 in Budapest aufgeführtem „Liliom“ ist das Aufeinanderprallen von Dialekten und Hochsprache ein solches Parameter. Den Karussellburschen Liliom verrät seine Wortwahl, dass er nicht aus dem Budapest der Oberschicht stammt, sondern aus dem Grenzgebiet zur Slowakei, und auch das Dienstmädchen Julie, in das er sich verliebt, spricht im charakteristischen Jargon der ungarischen Landbevölkerung.

Doch das ist nicht Molnárs „Liliom“, wie wir ihn gemeinhin kennen – vom Schauspiel her oder auch dank Fritz Langs Verfilmung, und hätte Molnár entsprechenden Gesuchen von Puccini und Gershwin entsprochen, würden wir das Stück sogar als Oper erlebt haben können. Unser Verständnis von „Liliom“ basiert auf der Wiener Fassung von 1913 und damit auf Polgars Übertragung, die eben jene dialektalen Gegensätze eingeebnet hat. Orsolya Kalász hat dies in einem klugen Beitrag im Programmheft der diesjährigen Salzburger Festspiele aus Anlass der Neuinszenierung von Kornél Mundruczó, die ab dem 21. September auch im Hamburger Thalia-Theater zu sehen sein wird, eingehend dargelegt.

Und auch Mundruczó hielt sich an Polgar, „weil sie neben der Sprachqualität auch eine nostalgische Poesie hat, die wir beibehalten wollten“, wie er in einem Gespräch ausführte. Nun ist Nostalgie alleine noch kein Kriterium für eine dramaturgische Reflexion. Allerdings sann auch Mundruczó nach Neuem. Deswegen ließ er die Szenen mit Liliom vor dem Jüngsten Gericht von Kata Wéber neu texten. Wo sich bei Molnár/Polgar in kafkaesk anmutenden Prozessszenen Liliom für seinen im Kirchenverständnis des frühen 20. Jahrhunderts sündigen Selbstmord verantworten und zum Versuch einer Läuterung wieder auf die Erde zurück muss, wird der Protagonist bei Mundruczó/Wéber in einem genderbewegten Coaching zu seiner Mitgliedschaft in einer „repressiven Männergesellschaft“ befragt. Das hatte zwar Ironie und hintergründige Süffisanz, aber infolge des sprachlichen Stilbruchs nicht mehr allzu viel mit dem ursprünglichen Stück zu tun, zumal Mundruczó die Dramaturgie auch dahingehend umgebaut hatte, dass der bereits verstorbene Liliom seine Handlungen aus der Rückschau heraus zu verstehen versucht. Zudem wurde im Verlauf der Inszenierung von Julie und ihrer Freundin Marie mehr masturbiert, als zum Verständnis des dem Stück immanenten Zeitkritik an der verlogenen Sexualmoral um 1900 nötig gewesen wäre, wie man auch auf die lächerliche obsessive Szene zwischen Frau Hollunder und einem aufblasbaren Krokodil gern verzichtet hätte.

Mit derlei Mätzchen unterläuft Mundruczó seine erkennbare Qualität und Kompetenz, über die er als Regisseur verfügt. Er vermag es, Molnárs Figuren von jenen Klischees zu befreien, wie sie sich insbesondere durch die Verfilmung fest eingeprägt haben. Und so ist bei ihm – auch dank der durchweg hervorragenden Leistungen der Schauspieler/innen vom Thalia-Theater – der Fiscur (Tilo Werner) mehr Gebrochener als Verbrechender, Frau Muskat (Oda Thormeyer) keine plump-eifersüchtige Karussell-Besitzerin, sondern eine nach Zuneigung hungernde einsam gewordene ältere Dame, Frau Hollunder (Sandra Flubacher) eine überdrehte Zu-Kurz-Gekommene und Wolf Beifeld (Julian Greis) ein im System sich hochgedienert habender Aufsteiger, dem sich das Dienstmädchen Marie (Yohanna Schwertfeger) nur allzu willfährig anpasst. Auch das Protagonistenpaar hatte Mundruczó vielschichtiger angelegt, zeigte mit Maja Schöne eine ihres Wertes bewusste Julie, die mehr ist als nur das „arme Hascherl“ und mit dem von Anbeginn über die gesamte Spieldauer von pausenlosen zwei Stunden höchst bühnenpräsenten Jörg Pohl eine Titelfigur, die wie in einem Brennglas all jene Implikationen bündelte, welche zu Gewaltexzessen führen können.

Monika Pormales Bühnenbild wurde durch zwei Roboter-Arme geprägt, die – wie der Regisseur ausführte – „zeigen, wie eine Erinnerung Stück für Stück rekonstruiert wird und dennoch bruchstückhaft bleibt. Das anfänglich realistische Bühnenbild wird dabei von Szene zu Szene surrealer“. In der Tat ist dieser Ansatz sehr geglückt umgesetzt worden; es gelang, einen Bogen zu spannen von poetischen Stimmungen wie der Nachtszene im Vorstadtwald bis hin zum Unheimlichen und bedrückend Absurden. Und so wurde – auch im Zusammenwirken mit der atmosphärisch-dichten Bühnenmusik von Xenia Wiener – Molnárs „Liliom“ auch bei den Salzburger Festspielen zu einem starken Stück.

DER KLASSIKKRITIKER

Premiere am 17. August, besuchte Vorstellung am 23. August 2019. Weitere Aufführungen am 24., 26., 27. und 28. August sowie ab 21. September 2019 im Hamburg.

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Eingeordnet unter Klassische Moderne, Kritik, Schauspiel mit Bühnenmusik

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