BRILLANZ DES ABSURDEN UND SKURRILEN – Premiere von Shostakovichs „Die Nase“ an der Staatsoper Hamburg

Die Hamburgische Staatsoper schärft in diesem Jahr ihr Shostakovich-Profil: Nach einer bewegenden 12. Symphonie im Mai (DER KLASSIKKRITIKER berichtete) ist aktuell neben der selten gespielten „Moskau Tscherjomuschki“ an der opera stabile im Haupthaus „Die Nase“ zu erleben, mit welcher der Komponist noch in seinen 20er-Jahren die Reihe seiner Musiktheater-Werke eröffnet hatte.

Grundlage dieses genauso zeitkritischen wie skurrilen Stücks ist die gleichnamige Novelle von Gogol, die der Komponist selbst, gemeinsam mit drei Mitstreitern, zwischen 1927 und 1929 zum Libretto formte. Gogol nahm damals, im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts, politische Missstände satirisch aufs Korn: Untertanengeist und Obrigkeitshörigkeit, willkürliche Polizeigewalt, korrupte Verwaltungsbeamte, dem Suff sich hingebender Pöbel. Ein zumeist betrunkener Barbier findet eines morgens im frisch gebackenen Brot eine Nase, versucht sie loszuwerden, erregt dabei Verdacht und gerät daher in die Mühlen einer Unrechtsstaatsjustiz. Am selben Tag stellt ein Kunde dieses Barbiers, der Kollegienassessor Kowaljow, fest, dass ihm seine Nase fehlt. Während er aufgrund dieser Entstellung von den einen gehetzt und von den anderen gemieden wird, begegnet ihm seine Nase in Übergröße und in der Uniform eines Staatsrats. Vergleichbar dem „Hauptmann von Köpenick“ wird nun die Nase nur aufgrund ihrer Uniform gehuldigt und devot verehrt, bis sie im Zuge eines Tumults zusammengeschlagen, auf ihr normales herunter geprügelt und von einem Wachtmeister gegen Zahlung eines hohen Schmiergelds an Kowaljow zurück gegeben wird, in dessen Gesicht sie allerdings erst wieder nach einigem Hin- und Her ihren gefestigten Platz einzunehmen vermag.

Natürlich war es kein Zufall, dass sich der Komponist für diese Gogol-Novelle begeistert hatte. „Warum soll denn Musik uns immer nur von den Höhen des menschlichen Geistes berichten oder allenfalls von romantischen Bösewichten?“ stellte er als rhetorische Frage an die zeitgenössische Tragödie, und er fuhr fort: „Helden und Schurken gibt es nur wenige. Die meisten Menschen sind mittelmäßig. Weder schwarz noch weiß. Sie sind grau, von einer schmutziggrauen Schattierung. In diesem so unbestimmt gefärbten Milieu entstehen die grundlegenden Konflikte unserer Zeit. Es ist ein ungeheurer Ameisenhaufen, in dem wir herumkriechen“.

Shostakovich erkannte zahlreiche Parallelen zu Gogols zaristischem und dem stalinistischen Russland seiner eigenen Zeit, und er schrieb zur „Nase“ eine seiner kühnsten und fortschrittlichsten Partituren: Hart, oft aggressiv in der Instrumentation, scharf und prägnant in der rhythmischen Gestaltung, knapp bei überwiegend atonaler Faktur in der Melodieführung, konsequent dissonant in der Harmonik. Hinzu kommen Ingredienzen aus der Film-, traditionellen Volks- wie auch Unterhaltungsmusik sowie dem Jazz, und es war brillant, wie Hamburgs GMD Kent Nagano am Pult des bestens disponierten Philharmonischen Staatsorchesters souverän durch diese schwer zu fassende und mitunter vertrackt strukturierte Musik geführt hatte.

Und Karin Beier, die Regisseurin der Hamburger Neuinszenierung erkannte, dass die Oper in ihrer Groteske weit über ihrer Entstehungszeit bis heute relevant ist, sind doch im Zeitalter der fake news die gesellschaftlichen Vorstellungen von Wahrheit oder bestenfalls nur Wahrscheinlichkeit gehörig ins Strudeln geraten. Sie unterstrich mit geradezu rasanten Spielabläufen im brillanten Bühnenraum von Stéphane Laimé die clipping-artige Filmdramaturgie der Handlung, ergänzt durch gekonnt eingesetzte Video-Technik für die abartige Vergrößerung der Nase und durch Eva Desseckers die Absurdität fokussierenden Kostüme. Überdies pointierte sie die politische Dimension, wenn sie die Polizeitruppe als lauter kleine Stalins aufmarschieren ließ oder auf Chaplins „The Great Dictator“ anspielte.

Die stimmlichen Leistungen bewegten sich auf hohem Niveau; bis in die zahlreichen Nebenrollen hinein wirkten die Sänger/innen mit ihren schwierigen Partien vertraut, Hellen Kwon beispielsweise in der extrem hochliegenden Rolle der Frau des Barbiers oder der tiefenschwarze Levente Páll, der neben dem Barbier noch den Arzt und den Chefredakteur sang. Die tragende Rolle des Kowaljow brachte Bo Skovhus mit vergleichbarer Meisterschaft über die Rampe wie im Februar diesen Jahres die ebenfalls höchst anspruchsvolle Titelpartie von Kreneks „Karl V.“  an der Bayerischen Staatsoper, und die Chorpartien wurden von Eberhard Friedrich und Christian Günther präzise einstudiert.

DER KLASSIKKRITIKER

Premiere und besuchte Vorstellung am 7. September 2019. Weitere Aufführungen am 13., 23., 26. und 28.9.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Klassische Moderne, Oper, Repertoire-Raritäten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s