BEZWINGENDE INTENSITÄT – VERDIS „DON CARLOS“ IN STUTTGART

Was sich schon in der vergangenen und zugleich ersten Spielzeit der Ära Schoner als ein besonderes Qualitätsmerkmal an der Staatsoper Stuttgart abzeichnete, bestätigte sich auch jetzt wieder angesichts der ersten Premiere in der aktuellen Saison: Hier ist ein Haus, das von großem Ensemblegeist getragen wird und in dem mit großer Sorgfalt die zu vergebenden Solistenpartien besetzt werden. Auf diese Weise war nun bei der Premiere von Verdis „Don Carlos“ eine vokalprächtige Mannschaft zu vernehmen, die Glanzlichter sogar noch innerhalb nachgeordneter Partien gesetzt hatte, zudem durchweg aus Rollendebütant/innen bestand.

Die Titelrolle gestaltete Massimo Giordano mit angenehm timbrierten, zu heldischem Auftrumpfen bei leuchtenden Höhen befähigtem Tenor und natürlichem Schmelz.  Schon sein „Fontainebleu“-Ruf verband sich geradezu innig mit der Soloklarinette, und in den Duettpassagen mit Posa harmonierte er optimal mit dem feurigen Bariton von Björn Bürger, der überdies exzellent deklamierte.  Zwei profunde Bassstimmen gaben der Herren-Riege weiteres Profil: der auch als Charakterdarsteller sehr eindrucksvolle Goran Juric als genauso wuchtiger wie ergreifender König Philipp und der kernig-stabile Falk Struckmann in der Rolle des in seiner Falsch- und Lüsternheit bis hin zur Pädophilie dargestellten Großinquisitors, dessen bloße Bühnenpräsenz in der Autodafé-Szene schon schaudern machte, später dann im 5. Akt (Stuttgart spielt dankenswerterweise die französische Urfassung einschließlich der einleitenden Waldarbeiter- und Volksszene, die so gut wie nie zu hören ist) die Bassschwärze in der Auseinandersetzung mit Philipp.

Herausragend auch die beiden Protagonistinnen des Abends: Olga Busuioc gewann der Elisabeth samtene Nuancen mit kostbar zarten Zwischentönen ab und machte die Entwicklung von der Mildtäterin des ersten Aktes bis zur Entschlossenheit zum Äußersten im fünften glaubhaft; Ksenia Dudnikova sang eine Eboli voller Sinnlichkeit und Facettenreichtum, rückte dabei die Tragik ihres Liebesleids gegenüber den oft überbetonten intriganten Charakterzügen dieser Figur in den Vordergrund.

Hohe Qualität genauso bei den kleineren, nicht minder wichtigen Partien und dem einmal wieder fulminanten Kollektiv, dem Staatsopern- nebst Extrachor in der Einstudierung von Manuel Pujol: Kyung Won Yu ließ gleich zu Beginn als markanter Holzfäller aufhorchen, desgleichen später Christopher Sokolowski als Graf Lerma und Herold. Carina Schmieger gab Elisabeths Pagen mit guter Substanz, und Claudia Muschio betörte als Stimme vom Himmel.

Am Dirigentenpult  erwies sich Cornelius Meister als sängerfreundlicher Begleiter auf der ganzen Linie: Alle durften bei ihm jede Phrase frei aussingen, er trug sie wie auf Händen, bettete Elisabeths innige Kantilenen genauso auf orchestralen Samt wie Philipps Liebesschmerz oder Ebolis Leidenschaft. Er gab Verdis Musik nach Schillers Drama Belcanto pur mit auf den Weg, fasste im Verlauf des Abends die Zügel jedoch, wo erforderlich, auch straff und unnachgiebig, so dass der tendenziell lyrischen Kontemplation seines interpretatorischen Grundansatzes genügend dramatisch empfundene Spannungspotentiale gegenüber gestellt worden sind. Immer wieder erfreuten die erkennbare instrumentale Feinarbeit, die zahlreichen Details, die Meister aus der Partitur erschloss.

Regisseurin Lotte de Beer öffnete in ihrer auch psychologisch gut durchgearbeiteten Personenführung offene und zugleich eindringliche Gedankenräume über politische Macht und deren Missbrauch ohne pädagogisierenden Zeigefinger, Aufgesetztheiten oder platte Aktualisierungsversuche. Die Kostüme (Christof Hetzer, zugleich auch überzeugender Bühnenbildner der Neuinszenierung) ließen in ihrer klugen Kombination genügend Assoziationen sowohl an die Zeit der Handlung (das Spanien der Renaissance), deren Dramatisierung (Schillers 18. Jh. im württembergischen Absolutismus), der Vertonung (Verdi inmitten der italienischen Freiheitsbewegung und als kurzzeitiger Parlamentarier) und der im Heute stattfindenden Inszenierung zu. Flandern war so auch Syrien, konnte aber genauso für den Nordirak stehen. Und de Beer zeigte Details, die andernorts oft unter den Tisch fallen, beispielsweise Ebolis Versuch, König Philipp zu verführen. Ein solch spannend und schlüssig erzählter Don Carlos im Verbund mit einer derart in sich geschlossenen Ensembleleistung ist nur selten zu erleben! DER KLASSIKKRITIKER

Premiere und besuchte Vorstellung am 27. Oktober; weitere Aufführungen am 1., 3., 8. und 10. November 2019 sowie am 15., 21, 26. März und am 18. April 2020.

 

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